Pillenmüde? Das ist jetzt wichtig!

Im Interview erklärt Autorin Isabel Morelli, warum das Absetzen der Pille nicht immer so einfach ist.

Von: Julia Gesemann

Die Pille ist bei jungen Frauen in Deutschland unangefochten die Nummer eins der Verhütungsmittel. In der großangelegten Tanco-Studie gaben 2018 fast 90 Prozent der Teilnehmerinnen zwischen 14 und 19 Jahren an, damit zu verhüten. Trotzdem ist „Pillenmüdigkeit“ immer häufiger ein Thema in den Medien. Isabel Morelli schreibt seit 2015 über hormonelle Beschwerden in Bezug auf die Antibabypille. Sie ist Gründerin des Blogs Generation-Pille.com und Autorin zweier Bücher. Sie selbst hat eine längere Krankheitsgeschichte hinter sich, an der die frühe Verschreibung der Antibabypille großen Anteil hatte. Uns erklärt sie, warum das Absetzen nicht so einfach ist, wie man vielleicht denken könnte – und worauf man dabei achten sollte.

Frau Morelli, warum sollten Frauen, die mit der Pille verhüten, sich damit auseinandersetzen, ob sie diese absetzen?
Meiner Meinung nach sollten sich Frauen in erster Linie mit ihrer Gesundheit beschäftigen. Es geht also nicht nur darum, sich mit dem Absetzen der Pille auseinanderzusetzen, sondern mit der Antibabypille an sich. Es ist wichtig, sie als das Medikament wahrzunehmen, das sie ist. Mit all ihren gewünschten Wirkungen und auch Nebenwirkungen wie Stimmungsschwankungen, Depressionen, Panikattacken, Gewichtszunahme oder Haarausfall. Der Körper wird von Tag eins des Pillenzyklus auf einem gleichbleibenden Hormonlevel gehalten und die körpereigene Hormonproduktion wird abgeschaltet. Nur wer genau verstanden hat, wie dieses Medikament im Körper wirkt, kann reflektieren, ob die Einnahme weiterhin richtig ist oder nicht. Leider wissen das die meisten jungen Mädchen und Frauen aber nicht. Deshalb brauchen sie sehr lange, um bestimmte Beschwerden oder Symptome der Pillen-Einnahme zuzuordnen.

Sie selbst haben im Alter von 13 Jahren das erste Mal die Pille genommen und schließlich mit 22 Jahren die Pille abgesetzt – ohne sich Gedanken darüber zu machen. Dann startete Ihre „persönliche gesundheitliche Horrorgeschichte“, wie Sie sie nennen. Was passierte genau?
Auch ich hatte absolut keine Ahnung von der Wirkweise der Pille und tatsächlich noch weniger vom weiblichen Körper, den natürlichen Hormonen oder dem Zyklus. Das hatte zur Folge, dass weder ich noch meine Ärzte die Beschwerden zuordnen konnten, die nach dem Absetzen der Pille aufgetreten sind. Angefangen bei extremer Infektanfälligkeit über eine plötzlich entstandene Schilddrüsenunterfunktion, Nebennierenschwäche, PCOS (häufige Stoffwechselstörung geschlechtsreifer Frauen) bis hin zu postmenopausalen Hormonwerten war alles dabei. Mein gesamtes Hormonsystem funktionierte nicht mehr. Da niemand wirklich wusste, was los war, kam es über viele Jahre zu sehr vielen Fehlbehandlungen, falschen Diagnosen und vielen Medikamenten. Wenn man weiß, dass die Pille die Schilddrüse, die Nebennieren, den Darm, die Leber und auch den Vitalstoffhaushalt beeinflusst, kann man den Körper aktiv, natürlich und sanft unterstützen.

Dieser Verlauf ist ja zum Glück nicht die Regel. Was glauben Sie, woran lag es, dass Sie diese Probleme nach dem Absetzen der Pille hatten?
Ich glaube, dass mein Körper durch die frühe Einnahme nie richtig gelernt hat, einen natürlichen Zyklus zu erschaffen. Auch wenn wir das immer für selbstverständlich halten, ist es ein wahnsinnig komplexer Prozess, der der Kommunikation vieler Organe und Systeme bedarf. Zum anderen wusste ich damals einfach nicht, wie die Pille wirkt, welche Organe beeinflusst werden können und wie ich selbst unterstützend einwirken kann. Mein damaliger sehr stressiger Lebensstil, gepaart mit meiner Unwissenheit und den falschen oberflächlichen Behandlungen, ergab eine Abwärtsspirale. Mit meinem heutigen Wissen wäre es mir damals nicht so ergangen.

Sie haben sich dieses Wissen mühsam angelesen und erfragt. Das Ergebnis sind unter anderem Ihre zwei Bücher. Sind sie Streitschriften gegen die Pille?
Keinesfalls! Ich bin auch nicht per se gegen die Antibabypille oder hormonelle Verhütungsmittel. Meine Kritik richtet sich hauptsächlich gegen den leichtsinnigen Umgang mit diesen Medikamenten. Millionen Frauen nehmen Medikamente ein, von denen sie weder die Wirkung noch die Risiken kennen, und das über Jahre, ohne sie zu hinterfragen. Leider wissen auch viele nicht, wie sie sonst sicher verhüten könnten. Es fehlt uns einfach an Aufklärung, Körperkompetenz und kompetenter Beratung. Jeder Frau sollte es möglich sein, alle Fakten zu kennen, um selbstbestimmt und eigenverantwortlich eine Entscheidung treffen zu können. Also kläre ich in meinen Büchern Frauen unter anderem über ihren natürlichen Zyklus, den weiblichen Körper und das Hormonsystem auf. Wenn man sich aller Fakten bewusst ist und sich dann für die Pille entscheidet, weil im individuellen Fall die Vorteile überwiegen, ist das völlig in Ordnung.

Die „Pillenmüdigkeit“ von Frauen ist immer wieder Thema. Sie schreiben von einer Art „weiblichem Rudelverhalten“. Warum ist das so?
Diese „Pillenmüdigkeit“ tritt seit der Markteinführung immer wieder auf. Nur ist es diesmal keine kurze Phase, sondern eine ganze Bewegung. Ich glaube, das haben wir der Tatsache zu verdanken, dass wir heute neue Wege haben, Dinge zu teilen und anders zu kommunizieren. Bei den früheren Pillenmüdigkeiten gab es mal den ein oder anderen Zeitungsartikel. Aber der landete natürlich schnell im Altpapier und war somit nicht nachhaltig. Heute können wir alles googeln, dauerhaft auf Informationen zugreifen und fast noch wichtiger: Wir können uns austauschen.

„Wir Frauen haben endlich angefangen, uns gegenseitig zu unterstützen,
zu stärken und aufzufangen.“

Dabei spielen auch die sozialen Medien eine große Rolle.
Ja, es gibt unheimlich viele Foren, Facebook-Gruppen und Blogs, die sich mit der Thematik beschäftigen. Aber auch auf Instagram und YouTube sprechen die Mädels heute offener über ihre Erfahrungen. Das ist das Rudelverhalten, von dem ich spreche. Eine hat den Mut, über ein intimes Thema zu sprechen und eigene Erfahrungen zu teilen. Das sehen viele Betroffene, fühlen sich bestärkt und sehen endlich, dass sie mit ihren Beschwerden nicht allein sind. Frauen bestärken sich gegenseitig. Frauen, die jahrelang dachten, ihre Symptome wären Einbildung, treffen auf Tausende andere, die die gleichen Probleme haben. Wir Frauen haben endlich angefangen, uns gegenseitig zu unterstützen, zu stärken und aufzufangen. Eine tolle Entwicklung, wie ich finde.

Was sagen Sie Frauen, die unter Nebenwirkungen leiden und ihrem Partner zuliebe trotzdem an der Pille festhalten, zum Beispiel weil dieser keine Lust auf Kondome hat?
Frauen sollten sich niemals wegen ihres Partners für die Pille entscheiden. Leider können Männer aktuell nicht viel zur Verhütung beitragen – mit Ausnahme von Kondomen oder einer Vasektomie –, weshalb die Hauptverantwortung bei uns Frauen liegt. Es geht hierbei also in erster Linie um das Vertrauen in einer Beziehung. Selbstverständlich ist es auch für den Mann wichtig zu wissen und darauf vertrauen zu können, dass die Verhütungsmethode seiner Partnerin sicher ist. Aber das ist nicht gleichbedeutend mit der Einnahme von Hormonersatzstoffen. In diesen Fällen halte ich es für enorm wichtig, mit dem Partner alle Optionen und auch die klar nachweisbaren Sicherheiten anderer Methoden zu besprechen. Kein liebender Mann dieser Welt würde von seiner Partnerin verlangen, dauerhaft ein Medikament einzunehmen, das sie selbst nicht möchte und ihr eventuell auch gesundheitlich nicht guttut. Es geht um die Kommunikation. Ja, wir Frauen tragen die meiste Verantwortung. Aber es sind auch unsere Körper, unsere Entscheidungen, und es geht um unsere Gesundheit.

Sie schreiben: „Wir haben verlernt, auf unseren Körper zu hören.“ Ist noch viel Aufklärungsarbeit notwendig?
Das ist schwer zu sagen. Prinzipiell ist allein schon deshalb noch viel Aufklärungsarbeit nötig, weil sie im Schulunterricht und bei Gynäkologen fehlt. Das führt dazu, dass wir in unseren jungen Jahren einfach nicht genug Wissen über die Weiblichkeit, den Zyklus, Verhütung und auch Hormone beigebracht bekommen. Allerdings sehe ich mittlerweile, dass unheimlich viele Frauen nach dem Absetzen hormoneller Verhütungsmittel umso interessierter an den Vorgängen ihres Körpers sind. Teilweise haben sie erst mit Ende 20 ihren ersten natürlichen Zyklus und sind unheimlich begeistert davon, was der weibliche Körper alles kann. Es ist sehr schön, einen Teil zu dieser wertvollen Aufklärung beitragen zu können.

In „ByeBye Pille“ schildern Sie alle Symptome, die durch das Absetzen der Pille auftreten können. Ganz schön erschreckend. Aber nicht jede Frau bekommt überhaupt Beschwerden, oder?
Frauen reagieren komplett unterschiedlich auf das Absetzen der Pille. Viele bemerken weder positive noch negative Veränderungen. Das Leben geht für sie einfach weiter wie bisher. Einige erleben vorübergehend ein paar mehr oder weniger „typische“ Symptome wie eine ausbleibende Periode, unregelmäßige Zyklen, Haarausfall oder auch unreine Haut. Von vielen Frauen bekomme ich auch durchweg positives Feedback, weil beispielsweise Beschwerden verschwinden, von denen sie dachten, sie wären „normal“. In den meisten Feedbacks, die ich bekomme, berichten Frauen, dass sie sich jetzt zum ersten Mal frei und „ganz klar“ fühlen, so als hätten sie die letzten Jahre immer unter einer Glasglocke gelebt. Sie fühlen sich einfach wohler in ihrem Körper. Das ist auch der Grund, warum diese Frauen die eventuell auftretenden vorübergehenden Problemchen, die ich anfangs erwähnte, sehr gerne in Kauf nehmen.

Woran liegt es, dass Frauen so unterschiedlich auf das Absetzen der Pille reagieren?
Die Pille ist ein Medikament. Genauso wie jede Frau anders auf die Einnahme reagiert, kann sie auch auf das Absetzen reagieren. Das hat viele Ursachen. Angefangen bei dem Alter der ersten Einnahme über die Einnahmedauer, den Lebensstil oder auch die Ernährung. Je gesünder ich schon während der Einnahmezeit gelebt habe, desto einfacher wird es für den Körper, auch nach dem Absetzen wieder in Balance zu kommen. Es ist allerdings auch durchaus möglich, den Körper gleich mit dem Absetzen – oder falls nötig auch noch eine lange Zeit danach – mit einfachen Tricks bestmöglich zu entlasten und zu unterstützen.

Abschließend: Sind wir heute noch auf hormonelle Verhütung angewiesen?
Das kann ich mit einem ganz klaren „Nein“ beantworten. Wir sind schon sehr lange nicht mehr darauf angewiesen, aber leider ist das weder bei uns Frauen noch bei jedem Gynäkologen richtig angekommen. Das macht es in manchen Fällen ein bisschen tricky, die richtigen Informationen bzw. eine vollumfängliche und kompetente Beratung zu bekommen. Aber die hormonfreien Verhütungsmöglichkeiten sind da, und sie sind sicher. Die Aussage, man könne nur mittels Hormonersatzstoffen sicher verhüten, ist lange überholt und entspricht nicht der Wahrheit. Wer also nicht mehr hormonell verhüten möchte, muss das heute auch nicht mehr tun. Angefangen bei den Kupferalternativen wie Kupferspirale, Kupferkette und Kupferball über Barrieremethoden wie Kondom und Diaphragma bis hin zur natürlichen Verhütung stehen uns alle Türen offen. Die Empfängnisverhütung ist ein sehr individuelles Thema. Es ist unheimlich wichtig, sich all seiner Möglichkeiten bewusst zu werden, sich damit zu beschäftigen und für sich die passende Methode zu finden.

Zur Autorin: Isabel Morelli (geboren 1988) ist ausgebildete Ernährungs- und Gesundheitsberaterin. Sie hat den Blog Generation-Pille.com gegründet. Beeinflusst durch ihre eigene Krankengeschichte schreibt sie über Frauengesundheit, insbesondere über hormonelle Beschwerden in Bezug auf die Antibabypille. Auch in ihren beiden Büchern „ByeBye Pille – in vier Schritten zurück zur Balance“ und „Kleine Pille, große Folgen“ klärt sie über Nebenwirkungen der Pille auf und informiert über die Zusammenhänge zwischen diversen Symptomen.

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