Organspende: Das musst du wissen

10.000 Menschen in Deutschland warten auf eine Organspende. Aber nur die wenigsten Gesunden wissen, wie so etwas funktioniert.

Von: Tina Gallach

Der menschliche Körper – er ist ein Wunderwerk. Wie eine zuverlässige Maschine begleitet er die meisten von uns durchs Leben. Gliedmaßen, Organe, Herz-Kreislaufsystem: alles funktioniert so, wie es soll. Doch rund 10.000 Menschen in Deutschland warten pro Jahr dringend auf eine Organspende, weil ihre Organe durch Unfall oder Krankheit nicht mehr die Leistung bringen können, die sie sollen. Bei vielen von ihnen ist die Situation sogar so kritisch, dass ihr Leben davon abhängt. Was aber genau bedeutet das, und wie geht das überhaupt: Organe spenden?

Wer darf spenden?

„Im Prinzip kann sich jeder für die Spende seiner Organe entscheiden und dies in einem Organspendeausweis vermerken“, sagt Nadine Körner von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). „Es gibt auch keine Altersbegrenzung dafür. Entscheidend ist, ob die Organe gesund und funktionstüchtig sind. Dies hängt nur bedingt vom kalendarischen Alter ab.“ Einer der Gründe, warum sich immer noch nur wenige Menschen für eine Organspende entscheiden ist, dass man sich bei diesem Thema automatisch mit seiner eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen muss – und das ist nicht gerade unser Lieblingsthema. Schließlich können Organe nur an andere weitergegeben werden, wenn man sie selbst nicht mehr braucht. Die einzige Ausnahme, und damit die einzige Möglichkeit zur Lebendspende ist, eine Niere oder einen Teil der Leber abzugeben. Aber das ist nur in bestimmten Fällen erlaubt: bei Verheirateten oder Verlobten, bei Verwandten ersten oder zweiten Grades oder bei Menschen, die sich persönlich sehr nahe stehen. Grundsätzlich aber gilt: „Über die Frage, ob ein Organ transplantiert werden kann, entscheiden medizinische Tests nach dem Tode – und letztlich der Arzt, der die Organe transplantiert. Eine Organentnahme wird in der Regel nur dann ausgeschlossen, wenn beim Verstorbenen eine akute bösartige Tumorerkrankung oder ein positiver HIV-Befund vorliegt“, sagt Nadine Körner.

Wie viele Menschen spenden pro Jahr?

„Im vergangenen Jahr haben in Deutschland 955 Menschen nach ihrem Tod ihre Organe für schwer kranke Menschen gespendet. Von diesen Spendern konnten 3.113 Organe durch die internationale Vermittlungsstelle Eurotransplant erfolgreich an die Patienten auf den Wartelisten vermittelt werden. 3.264 Organe aus dem Eurotransplant-Verbund konnten in deutschen Kliniken transplantiert werden. Aktuell stehen allein in Deutschland aber noch immer rund 9.400 Patienten auf den Wartelisten“, sagt Nadine Körner.

Wer entscheidet, ob man spendet?

Der erste Schritt ist, einen Organspendeausweis auszufüllen und dann immer bei sich zu tragen. Damit hat man selbst entschieden und so können Ärzte im Falle eines Falles sofort sehen, ob jemand bereit zur Spende ist. Ansonsten gilt: „Zunächst regelt das Transplantationsgesetz die beiden Voraussetzungen für eine Organspende. Erstens: Der unumkehrbare Hirnfunktionsausfall muss festgestellt worden sein. Zweitens: Eine Zustimmung muss vorliegen. Wenn der Verstorbene selbst keinen Organspendeausweis hatte und auch nicht mit der Familie darüber gesprochen hat, dann werden die Angehörigen um eine Entscheidung gebeten. Wenn sie die Einstellung des Verstorbenen kennen, können sie sich auf dessen mündlich mitgeteilten Willen berufen – und stellvertretend einer Spende zustimmen oder diese ablehnen. Sofern ihnen keine Entscheidung bekannt ist, können sie nach dem vermuteten Willen des Verstorbenen entscheiden“, sagt Nadine Körner. Darum kann es in jedem Fall gut sein, sich mit seiner Familie mal über das Thema zu unterhalten. Damit sie Bescheid weiß. „Denn werden die Angehörigen um eine Entscheidung gebeten, wenn der Verstorbene sie nicht selbst getroffen hat, kann dies für die Angehörigen sehr belastend sein. Erfahrungsgemäß sind sie erleichtert, wenn der Wille im Organspendeausweis festgehalten oder wenn zumindest innerhalb der Familie konkret darüber gesprochen wurde.“

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Woher wissen Ärzte, ob man wirklich tot ist?

Auf dem Organspendeausweis kann man auch dokumentieren, dass man auf keinen Fall Spender sein möchte. Diese Entscheidung wird auch manchmal getroffen, weil sich viele Menschen Gedanken darüber machen, auf welche Weise im Falle ihres Tode festgelegt wird, ob nun Organe entnommen werden können oder nicht. Viele befürchten, dass ihr Zustand vielleicht falsch eingeschätzt wird und sie doch noch leben könnten, wenn die Operation beginnt. Damit das nicht passiert, wird nur nach sehr strengen Regeln der medizinischen Wissenschaft gearbeitet. „Der unumkehrbare Hirnfunktionsausfall muss nach genauen Vorgaben diagnostiziert werden. Dazu gibt es eigene Richtlinien der Bundesärztekammer. Sie sind verbindlich und der Ablauf der Untersuchungen ist darin genau festgelegt“, erklärt Nadine Körner. „Die Untersuchungen werden von zwei Ärzten unabhängig voneinander durchgeführt und protokolliert. Diese Ärzte müssen über eine mehrjährige Erfahrung in der Intensivbehandlung von Patienten mit akuten schweren Hirnschädigungen verfügen und einer der Ärzte muss zudem Neurologe oder Neurochirurg sein. Erst wenn nachweislich festgestellt wurde, dass der unumkehrbare Hirnfunktionsausfall eingetreten ist, wird der Totenschein ausgestellt. Gleichzeitig müssen die intensivmedizinischen Maßnahmen weitergeführt werden, um die Organe bis zur Entnahmeoperation in der Funktion zu halten. Medizinisch gesehen handelt es sich bei einem Organspender um einen Verstorbenen mit einem irreversiblen Hirnfunktionsausfall, der maschinell beatmet und dessen Herz-Kreislaufsystem künstlich aufrechterhalten wird.“

Zum genauen Ablauf hat die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO), die bundesweite Koordinierungsstelle für die Organspende, einen Leitfaden zusammengestellt, der genau erklärt, was passiert:

  1. Ärzte stellen den Tod fest
    Eine massive Hirnschädigung, zum Beispiel durch eine schwere Kopfverletzung oder Hirnblutung, kann trotz aller medizinischen Maßnahmen zum Tod des Patienten führen. Die Feststellung des endgültigen, nicht behebbaren Ausfalls der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms ist die medizinische Voraussetzung für eine Organspende.
  2. Das Gespräch mit den Angehörigen
    Eine Organspende ist in Deutschland nur mit einer Einwilligung möglich. Hat der Verstorbene zu Lebzeiten keine eigene Entscheidung getroffen und zum Beispiel in einem Organspendeausweis dokumentiert, so werden die nächsten Angehörigen um eine Entscheidung im Sinne des Verstorbenen gebeten.
  3. Kontaktaufnahme mit der DSO
    Wenn ein Patient in einem Krankenhaus an einem unumkehrbaren Hirnfunktionsausfall stirbt, nehmen die Mitarbeiter Kontakt mit einem DSO-Koordinator aus ihrer Region auf. Die DSO ist für die Krankenhäuser bundesweit rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr erreichbar.
  4. Schutz der Organempfänger
    Um die Organempfänger zu schützen, veranlasst die DSO alle notwendigen Untersuchungen und prüft mögliche Risiken, ob mit den Organen Krankheiten übertragen werden könnten. Trotz dieser umfassenden Maßnahmen zum Empfängerschutz lässt sich allerdings ein geringes Restrisiko nicht gänzlich ausschließen. Außerdem leitet die DSO die Erhebung der medizinischen Daten ein, die für die Vermittlung und Transplantation der Organe wichtig sind. In Laboruntersuchungen werden die Blutgruppe und Gewebemerkmale des Spenders bestimmt. Beides sind wichtige Daten für die Vermittlung der entnommenen Organe, um den passenden Empfänger zu finden.
  5. Die Organe durchbluten
    Nach der Feststellung des Todes ist es notwendig, die Beatmung und das Herz-Kreislauf-System des Verstorbenen künstlich weiter aufrechtzuerhalten, damit die Organe weiterhin durchblutet werden und nicht absterben. Bei dieser intensivmedizinischen Betreuung des Spenders unterstützt ein Koordinator der DSO das Klinikpersonal.
  6. An Eurotransplant melden
    Dieser Koordinator sendet die Laborwerte mit weiteren Angaben zum Spender an Eurotransplant, die Vermittlungsstelle für Organspenden in den Benelux-Ländern, Deutschland, Österreich, Slowenien, Kroatien und Ungarn, mit Sitz in den Niederlanden. Ein spezielles Computerprogramm gleicht dort die Daten der Spenderorgane mit denen der Wartelistenpatienten ab und ermittelt die Empfänger. Die Vergabe richtet sich ausschließlich nach medizinischen Kriterien. Im Vordergrund stehen die Dringlichkeit und die Erfolgsaussicht.
  7. Die Organentnahme
    Für die Entnahme der jeweiligen Organe organisiert die DSO bei Bedarf Entnahmeteams. Gespendet werden können Nieren, Herz, Leber, Lunge, Bauchspeicheldrüse und Dünndarm.
  8. Der Organtransport
    Der Transport von Spenderorganen muss schnell, äußerst sorgfältig und medizinisch einwandfrei geschehen. Die Funktion des Transplantates und damit das Überleben des Organempfängers hängen unmittelbar davon ab. Einige Organe lassen sich nur für kurze Zeit konservieren – es kommt auf jede Minute an. Die DSO koordiniert diese anspruchsvolle Logistik und stellt den reibungslosen Ablauf sicher.
  9. Die Transplantation
    Die Empfänger sind bereits auf die Operation vorbereitet, wenn die Organe im Transplantationszentrum ankommen. Damit geht häufig eine lange Zeit des Wartens zwischen Hoffnung und Verzweiflung zu Ende. Mit der Übergabe der Spenderorgane endet die Aufgabe der DSO im Organspendeprozess.

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