Psychotherapie: Was genau ist das?

Die mentale Gesundheit ist immer noch ein Tabuthema. Wir sprechen offen darüber.

Von: Zoi Theofilopoulos

Sich einzugestehen, von einer psychischen Krankheit betroffen zu sein, ist nicht leicht. Sich für eine Therapie zu entscheiden und die darauffolgenden Prozesse sind meist nicht einfacher. Claudia Frey, als Psychologische Psychotherapeutin in Heidelberg niedergelassen, erklärt im Interview, wie man den richtigen Therapieplatz findet und was man dabei beachten sollte.

Wie erkennt man, dass man Hilfe braucht?
Claudia Frey: Das ist gar nicht so einfach, denn die Übergänge sind oft fließend. Letztlich kann man nur selbst entscheiden, ob eine Psychotherapie in Betracht kommt. Eine Diagnose kann aber nur ein Fachmann stellen, zum Beispiel ein Psychologischer Psychotherapeut. Grundsätzlich ist es aber so: Wenn sich jemand länger als drei Wochen wie in einem Tief fühlt, sich immer mehr zurückzieht und keine Kraft mehr hat, die Dinge zu tun, die ihm eigentlich Spaß machen – dann ist es sinnvoll, sich Unterstützung zu suchen. Auch wenn man unglücklich mit einer Verhaltensweise oder einer Situation ist, es aber nicht schafft, selbst etwas daran zu ändern, kann eine Psychotherapie hilfreich sein.

Was ist der erste Schritt?
Frey: Den ersten Schritt hat man eigentlich schon getan, indem man sich eingestanden hat, dass man Hilfe braucht – das ist oft sogar das Schwierigste und Wichtigste. Eine Psychotherapie zu beginnen ist keine leichte Entscheidung. Die erste Hürde ist der freie Therapieplatz. Und es kann eine Weile dauern, bis man einen Therapeuten gefunden hat, der wirklich passt. Zum anderen bedeutet eine Psychotherapie, dass man sich auf einen inneren Veränderungsprozess einlässt und aktiv dabei mitwirkt. Das kostet Zeit und vor allem Kraft, die man nicht immer hat.

Wie findet man einen Therapieplatz?
Frey: Manchmal ist es sinnvoll, erst einmal zu einem Hausarzt zu gehen. Er ist normalerweise kein Psychotherapeut, aber er kennt einen gut. Mit ihm kann man offen reden, ihm erklären, dass es einem schlecht geht und man sich professionelle Hilfe wünscht. Man kann aber auch direkt Kontakt zu einem Psychotherapeuten suchen. Seit einiger Zeit gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, psychotherapeutische Sprechstunden wahrzunehmen. Dafür ruft man einen Psychotherapeuten an, den man zum Beispiel auf einer Liste der Krankenkasse gefunden hat, und bekommt dann meist relativ zeitnah einen Termin. Hier kann man dann mit ihm in ein bis maximal drei Sitzungen klären, ob eine Therapie überhaupt notwendig ist und wie diese aussehen könnte. Fühlt man sich bei diesen Sprechstunden wohl, muss man sich in den allermeisten Fällen aber erstmal auf eine Warteliste setzen lassen.

Zahlen die Krankenkassen die Kosten für eine Psychotherapie?
Frey: Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die vollständigen Therapiekosten, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind: Der Psychotherapeut verfügt über eine Kassenzulassung und beim Patienten wurde eine psychische Störung diagnostiziert. Die endgültige Diagnose stellt der Therapeut während der so genannten probatorischen Sitzungen.

Was sind probatorische Sitzungen?
Frey: Das sind Probesitzungen. In dieser Zeit findet eine ausführlichere diagnostische Abklärung statt und es wird gemeinsam geklärt, welches therapeutische Vorgehen am geeignetsten ist. Außerdem kann man selbst und auch der Therapeut prüfen, ob eine Psychotherapie wirklich das Richtige ist und auch, ob man miteinander klarkommt.

Wie beantragt man danach eine Therapie?
Frey: Sobald die erste probatorische Sitzung stattgefunden hat und der Termin für die zweite Stunde vereinbart wurde, kann der Therapeut einen Antrag auf Kurzzeit- oder Langzeittherapie bei der Krankenkasse stellen. Um Wartezeiten bis zum Beginn der eigentlichen Therapie zu überbrücken, können weitere probatorische Sitzungen durchgeführt werden. Zudem fordert der Therapeut von einem Arzt, idealerweise vom Hausarzt, einen sogenannten Konsiliarbericht an. Dieser dient dazu, eine organische Erkrankung als Ursache für die vorliegenden Beschwerden auszuschließen. Damit man zum Beispiel keine Depression behandelt, obwohl die schlechten Gefühle in Wirklichkeit von einer Fehlfunktion der Schilddrüse verursacht werden.

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Wie erkennt man einen guten Therapeuten?
Frey: Um eine Kassenzulassung zu bekommen, müssen Psychotherapeuten nach ihrem Masterstudium in Psychologie noch eine mehrjährige spezialisierte Psychotherapie-Ausbildung durchlaufen, die mit einer staatlichen Prüfung endet. Man kann also davon ausgehen, dass alle kassenzugelassenen Psychotherapeuten einen hohen fachlichen Qualitätsstandard bieten. Aber natürlich ist das nicht alles: Die Chemie muss stimmen und man muss Vertrauen entwickeln können. Nur dann wird eine Psychotherapie „gut“ sein können.

Was ist der Unterschied zwischen Psychiater, Psychologe und Psychotherapeut?
Frey: Ein Psychiater ist ein Arzt. Er hat Medizin studiert, darf Medikamente verschreiben. Er beschäftigt sich mit dem Anliegen seiner Patienten aus medizinischer Sicht. Der Schwerpunkt einer pychiatrischen Behandlung liegt auf der medikamentösen Behandlung, zum Beispiel mit Antidepressiva. Ein Psychologe hat Psychologie studiert: In diesem Studium beschäftigt man sich mit den verschiedensten Facetten menschlichen Verhaltens und Erlebens. Ein Psychotherapeut muss als Basis entweder Medizin oder Psychologie studiert und dann noch eine zusätzliche mehrjährige Ausbildung zum Psychotherapeuten absolviert haben. Erst dann darf er sich „Psychologischer Psychotherapeut“ oder "Ärztlicher Psychotherapeut" nennen. Ein "Psychologischer Psychotherapeut" verschreibt keine Medikamente, sondern behandelt mit psychologischen Methoden.

Kann man sich auch an einen Coach wenden?
Frey: Coach ist kein geschützter Begriff, jeder kann sich als Coach bezeichnen. Wenn der EDV-Kaufmann zum Beispiel keine Lust mehr auf seine Tätigkeit hat, kann er coachen. Da hätte man also keine Qualitätssicherheit. Das heißt natürlich nicht, dass es nicht gute Coaches gibt, aber es gibt eben keine Garantie. Außerdem übernehmen die Krankenkassen keine Beratung bei Coaches.

Man fühlt sich antriebs- und hoffnungslos, glaubt nicht, dass einem jemand helfen kann. Allein einen Therapeuten anzurufen, kostet große Überwindung. Tipps?
Frey: In diesem Fall sollte man versuchen, die Sprechstunden und Probesitzungen beim Therapeuten wie eine Art Check-Up beim Arzt zu betrachten. Da wird nicht geprüft, ob man versagt hat oder an irgendetwas Schuld trägt. In diesen Stunden schaut man gemeinsam mit dem Therapeuten, wo das Problem liegt. Man sollte dabei immer daran denken, dass es unser Job als Therapeut ist, unseren Patienten zu helfen. Es gibt wirklich wirkungsvolle Methoden.

Wie läuft eine Therapie-Sitzung ab?
Frey: Das kommt auf das Therapieverfahren an. Zugelassen sind: Psychoanalyse, Tiefenpsychologie, Verhaltenstherapie und systemische Therapie. Das verbreitetste Verfahren ist die Verhaltenstherapie, die auch ich praktiziere. Bei mir läuft eine Therapie partnerschaftlich ab. Das bedeutet, dass wir alles gemeinsam besprechen. Ich würde niemals vorgeben, wo es lang geht. Ich bin die Expertin für das Fachwissen und der Patient der Experte für sein Leben. Wenn man das zusammenbringt, kann was Gutes dabei herauskommen. Generell schauen wir gemeinsam, wie der Status Quo und das Ziel ist. Dann überlegen wir, wie wir an das Ziel gelangen, wie die nächsten Schritte aussehen könnten. Anschließend überlegen wir, welche der Patient davon alleine umsetzen kann und bei welchen er meine Unterstützung benötigt.

Ist man am Ende der Therapie geheilt?
Frey: Das ist natürlich das Ziel. Aber auch kleinere Veränderungen können ein echter Erfolg sein und vieles im Leben zum besseren verändern. Im besten Fall hat man im Laufe der Therapie aber auch verstanden, warum man die Symptome in einer bestimmten Lebenssituation überhaupt entwickelt hat und wie man künftig frühzeitig gegensteuern kann. Zum Beispiel kann man nun Stresssituationen anders begegnen. Anstatt dass man etwa explodiert oder sich klein macht, sagt man ruhig und selbstbewusst die eigene Meinung. Oft können wir ja nicht beeinflussen, was uns im Leben widerfährt. Aber wir können sehr wohl unseren eigenen Umgang mit diesen Erfahrungen verändern, indem wir zum Beispiel alte Glaubenssätze hinterfragen, uns trotz allem gut um uns kümmern oder uns entgegen dem ersten Impuls nicht zurückziehen. Wenn das dauerhaft und auch in schwierigen Situationen gelingt, dann hat man es geschafft.



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