Darum tut Warten gut

Schon Konfuzius hatte den Nutzen der Geduld erkannt - und neueste Untersuchungen zeigen: Geduld macht sexy.

Von: Tina Gallach

Konfuzius hatte den Nutzen der Geduld durchschaut, Alexander der Große war eher ungeduldig – und der Österreicher Walter Mischel ging dem Phänomen des Wartens mehr als 2.000 Jahre nach dem Feldherren auf den Grund.

Der Bus kommt zu spät, der Autofahrer vor uns bummelt, der Besuch lässt auf sich warten – die Ungeduld nagt. Viele Menschen machen Situationen, in denen sie ausharren müssen, extrem unzufrieden. Bisweilen sogar nervös, weil das Gefühl fehlt, den Moment zu kontrollieren. Die Option, einfach geduldig zu sein mit Ruhe und Muße, hat nur selten eine Chance. Auch in der Geschichte gibt es Beispiele für ungeduldige Zeitgenossen. Alexander der Große etwa wollte Persien erobern. Ein Orakel hatte prophezeit, dass es derjenige schafft, der einen komplizierten Knoten im Palast zu Gordion öffnet. Alexander löste das Problem der Überlieferung nach im Jahr 333 vor Christus folgendermaßen: Er zerschlug den Knoten flugs mit dem Schwert. Geduld, ihn zu entwirren, hatte er nicht. Und so geht es auch uns heute oft. Wir wollen alles sofort. Dabei kann Warten ein echtes Wundermittel sein.

Warum Geduld erforscht wird

„Ist man in kleinen Dingen nicht geduldig, bringt man die großen Vorhaben zum Scheitern.“ Dieses Zitat des chinesischen Philosophen Konfuzius (vermutlich 551 bis 479 vor Christus) ist einerseits wahr – und zeigt andererseits, dass Geduld auch zu seinen Lebzeiten, rund 150 Jahre vor Alexander mit dem Schwert, nicht jedermanns Sache war. Warum sonst hätte er sich diesen klugen Spruch ausdenken sollen? Und das, was er damals wahrscheinlich eher intuitiv festgestellt hat, ist mittlerweile sogar wissenschaftlich bewiesen. Denn seit den 1960er Jahren wird Durchhaltevermögen erforscht.

Können Kinder auf Schokolade warten?

Eins der spektakulärsten und bis heute bekanntesten Experimente dazu führte damals Walter Mischel, geborener Österreicher und später Professor für Psychologie in Harvard, Stanford und an der Columbia University durch. Er ließ mehr als 500 Kinder im Alter von um die vier Jahre in einem kargen Raum mit einem Marshmallow alleine – eine Süßigkeit aus Zuckerschaum. Dazu ließ er ihnen die Wahl: Sie durften das Marshmallow sofort essen, oder sie konnten warten, bis er zurückkehrt und würden zur Belohnung ein zweites dazubekommen. Dann beobachtete er die Kinder durch eine Spiegelwand wie einen Verdächtigen bei der Polizei. Das Ergebnis war erstaunlich. Einige Kinder konnten einfach nicht widerstehen und stopften sich die Süßigkeit sofort in die Schnute. Andere nahmen sie, knabberten an einer unauffälligen Stelle etwas daran herum und stellten sie wieder zurück. Die dritte Gruppe allerdings wartete – musste sich aber offensichtlich anstrengen wie die Weltmeister, um zu widerstehen. Manche lenkten sich ab, indem sie etwa ihre Haare flochten, manche sangen, andere schoben das Marshmallow aus ihrem Blickfeld, sahen bewusst in eine andere Richtung.

Darum sind Geduldige schlauer

So weit das Experiment. Manche Kinder waren geduldig, andere nicht. 13 Jahre später traf Walter Mischel einen großen Teil von ihnen noch einmal und ließ sich erzählen, was aus ihnen geworden war: Die Kinder, die vor mehr als einem Jahrzehnt geduldig auf seine Rückkehr und die damit ausstehende Belohnung gewartet hatten, waren als Jugendliche erfolgreicher in der Schule, zielstrebiger und empathischer. Sie wurden als sozial kompetenter eingestuft, hatten seltener Alkohol-oder Drogenprobleme und konnten noch immer etwas aufschieben, wenn es sie ihren eigentlichen Zielen dafür insgesamt näher brachte.

Wer früh verzichtet hat es später leichter

Die Kinder, die sofort zugegriffen hatten, waren hingegen schlechter in der Schule und emotional instabiler – und das bei gleicher Intelligenz wie in der anderen Gruppe. Das Experiment wurde oft wiederholt, immer mit dem gleichen Ergebnis: Wer früh warten kann, hat es später leichter mit sich selbst. Auch Matthias Sutter vom Europäischen Hochschulinstitut in Florenz beschäftigt sich regelmäßig mit dem Phänomen Geduld. Auch er hat den Zusammenhang zwischen Abwarten können und langfristigen Zielen festgestellt. In seinem Buch zum Thema sagt er: „Als Ökonom ist mein Verständnis von Geduld im Grunde ganz einfach. Geduld heißt: Ich verzichte auf heutigen Konsum, um in der Zukunft mehr davon zu haben. Wir investieren heute in Bildung, damit wir morgen bessere Berufschancen haben, wir sparen heute, damit wir in der Zukunft eine Rente haben, wir investieren heute, damit wir morgen mehr produzieren können.“

Auch Zeit kann man sparen

Demnach entsagen geduldige Menschen also, um in der Zukunft mehr zu haben. Das kann Geld sein, Materielles – aber auch Zeit. Gerade in unserem hochtechnisierten Zeitalter der sofortigen Erreichbarkeit fällt die Bedeutung von Geduld jedoch oft einfach unter den Teppich und mit ihr die Chancen, die ruhiges Warten mit sich bringen könnte: Unter anderem sinkt für Geduldige nämlich auch die Wahrscheinlichkeit für Herzinfarkt und Burn-out. Wie sich die Gesellschaft weiter entwickelt? Das bleibt abzuwarten. Aber jeder kann zunächst bei sich selbst anfangen, und versuchen, so oft wie möglich so ruhig wie möglich zu bleiben. Das trainiert auch die Geduld.


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