Liebe mit Altersunterschied

Verliebt in einen älteren Partner: eine Situation, die überfordern kann. Heike Wilken gibt Hilfestellung.

Von: Max Mühlenweg

Gibt es in Beziehungen überhaupt so etwas wie zu jung oder zu alt?

Laut einer Studie des Bundesamts für Statistik aus dem Jahr 2017 haben nur sechs Prozent aller Paare einen Altersunterschied von mehr als zehn Jahren. Das heißt, nur ein relativ geringer Teil unserer Gesellschaft lebt in einer Paarbeziehung mit großem Altersunterschied. In 72 Prozent der Beziehungen ist der Mann älter als die Frau und bei 47 Prozent der Paare gibt es nur einen geringen Altersunterschied von einem bis zu drei Jahren. Man sagt, ein Altersunterschied von bis zu fünf Jahren ist „normal“; bis zu zehn Jahren ist er im „grünen Bereich“ und bei allem darüber geht man davon aus, dass der Altersunterschied groß ist. Ob etwas „normal“ ist, sagt aus meiner Sicht aber nichts darüber aus, wie gut die Qualität einer Beziehung ist.

Welche Probleme können bei einem großen Altersunterschied entstehen?

Bei Paaren mit großem Altersunterschied kann es sein, dass sich die Partner in unterschiedlichen Lebensphasen befinden, in denen verschiedene Bedürfnisse im Vordergrund stehen. Folgende Themen könnten zum Beispiel zu Problemen führen: Habe ich einen Kinderwunsch oder nicht? Dieses Thema könnte dann zum Konflikt führen, wenn die Frau älter ist und keine Kinder mehr bekommen kann, der jüngere Partner aber einen ausgeprägten Kinderwunsch hat. Ein Problembereich kann auch die Fitness bzw. das Bedürfnis nach Ruhe oder Aktion sein: Inwiefern sind hier die Bedürfnisse ähnlich oder unterschiedlich? Ist jemand älter, dann wird er oder sie eventuell ruhiger und hat nicht mehr so viel Interesse am Partyleben oder gemeinsamen Unternehmungen. Es kann aber auch sein, dass ich jung bin und das nie hatte, weil ich eher ein introvertierter ruhiger Typ bin. Dann würden die Bedürfnisse hier trotz Altersunterschied passen. Wie bei jeder anderen Partnerschaft gilt es zu schauen, ob die Bedürfnisse nach Ruhe, Ausgehen, Aktivität und Gesellschaft ähnlich sind, oder sich mit den unterschiedlichen Bedürfnissen trotzdem gut leben lässt.
Ein weiterer Konfliktpunkt könnte die Karriere sein. Ein Partner ist vielleicht bereits in Rente oder pensioniert und der andere möchte Karriere machen. Auch hieraus können unterschiedliche Bedürfnisse entstehen, über die man verhandeln muss. Da Partner mit größerem Altersunterschied in unterschiedlichen Generationen aufgewachsen sind, existieren häufig auch unterschiedliche geschlechterspezifische Rollenbilder. Hier braucht es einen wachen Blick, ob das Rollenbild des anderen zu meinen eigenen Vorstellungen passt und ich damit in der Partnerschaft glücklich werden kann. Diese Themen können natürlich auch bei Paaren mit ähnlichem Alter zu Konflikten führen.

Wie kann ich denn erkennen, ob ich mich in einer anderen Lebensphase befinde als mein Partner?

Ich glaube, im Laufe einer Beziehung bekomme ich solche Unterschiede mit, wenn ich einen aufmerksamen Blick auf mich und meinen Partner bzw. meine Partnerin habe und ehrlich mit mir bin. Dabei sollte ich Dinge, die mir wichtig sind, immer ansprechen und den Mut haben, mich mit meinen Bedürfnissen und Vorstellungen zu zeigen, auch wenn sie anders sind als die des Partners oder der Partnerin. Ein ehrliches Gespräch darüber, wie ich mir meine Partnerschaft vorstelle, was meine Wünsche und Bedürfnisse sind, kann hier hilfreich sein.

Wie spreche ich meine Ängste, Probleme und Zweifel bei meinem Partner am besten an?

Es gilt, einfach mutig zu sein und sich authentisch zu zeigen, so wie man es empfindet. Und vielleicht auch mit der Vorstellung in ein Gespräch zu gehen, dass es erstmal keine Lösung geben muss. Hier ist es wichtig, von sich selbst und seinen Bedürfnissen zu sprechen und nicht den anderen anzuklagen oder zu bewerten. Ich könnte sagen: „Ich merke, ich habe ein Bedürfnis nach Ruhe.“ oder „Ich komme schnell in Stress, wenn ich zu viel unternehme.“ Eine Anklage wäre: „Du kommst ja überhaupt nicht zur Ruhe und machst viel zu viel.“ Ob das für den anderen zu viel ist, kann ich nicht beurteilen. Ich kann nur von mir selber reden. Wenn ich von mir rede und keine Schuldzuweisungen und Bewertungen mache, stehen die Chancen gut, dass es ein konstruktives Gespräch wird. Sage ich lange nichts und mache alles mit, was der andere will, steigt mein inneres Aggressionspotenzial an. Mit Wut im Bauch sage ich dann Dinge wie: „Immer musst du raus und immer muss ich das machen, was du willst.“ Wenn ich das so fühle, habe ich meine eigenen Grenzen überschritten, um dem anderen zu gefallen. Das Gegenüber wird vermutlich in eine Abwehrreaktion gehen und sich schuldig fühlen. Schon ist ein Streit vorprogrammiert, bei dem keiner gewinnen kann. Denn hier geht es nicht um Konkurrenz (ich bin besser oder du oder meine Bedürfnisse sind richtig und deine sind falsch), sondern darum, ein gegenseitiges Verständnis zu entwickeln. Wenn man sich dessen bewusst ist, kommt man vielleicht zu der Einstellung: „Wir lieben uns und wir mögen uns, aber wir machen Sachen einfach häufiger getrennt.“

Spielt das Alter überhaupt eine Rolle, wenn alles passt und ich verliebt bin?

In der Verliebtheitsphase spielt es meist gar keine Rolle. In dieser Phase bin ich voller Hormone und habe einen sehr verklärten Blick, die sogenannte „rosa Brille“. Vermutlich sehe ich am Anfang nicht, was uns unterscheidet. Ich habe so viel Energie, dass ich mich auf Vieles einlassen kann. Diese Phase endet nach circa drei oder vier Monaten, komplett normalisiert hat sich der Hormonstatus nach etwa 18 Monaten. Jetzt kann ich mir langsam darüber bewusst werden, ob es passt oder nicht. Ich kann erkennen, wie beide mit Problemen und Unterschieden umgehen und ob eine Bereitschaft zur gemeinsamen Entwicklung da ist. In der Verliebtheitsphase sollte man daher auch nicht unbedingt heiraten, sondern erstmal gucken: „Was sehe ich, wenn die rosarote Brille wegfällt? Mag ich dann mein Gegenüber immer noch?“ Fallen die Antworten auf diese Fragen positiv aus, rückt der Altersunterschied vermutlich in den Hintergrund.

Diese Objektivität und Reflexionsfähigkeit ist aber wahrscheinlich sehr schwer zu bewahren, oder?

Genau, das ist schwer und natürlich darf ich meine Verliebtheit voll und ganz genießen. An dieser Stelle sehen Familie, Freunde und Bekannte aber vielleicht schon Dinge, die ich nicht sehe oder noch nicht sehen kann.

Wie kann ich mit meiner Unsicherheit umgehen?

Unsicherheit entsteht meistens dann, wenn ich die „Normen“, „das Gewohnte“ verlasse. Da ein großer Altersunterschied in Partnerschaften in unserer Gesellschaft eher selten ist, bin ich verständlicherweise mit Unsicherheit konfrontiert. Das ist normal. Es heißt, dass ich mich von Denkweisen befreie, die für mich einengend sind. Ich kann an dieser Stelle die gesellschaftliche Norm für mich in Frage stellen. Bin ich insgesamt eher ein unsicherer Mensch wird mir das schwerer fallen als wenn ich viel Selbstvertrauen und innere Sicherheit in mir habe. Ich glaube jedoch, dass das Leben uns Herausforderungen schickt, an denen wir wachsen können. In dieser Situation kann ich lernen, zu mir selber zu stehen und nicht so viel auf die Bewertungen anderer zu hören. Ich kann mich unabhängiger davon machen, wie andere mich und meine Beziehung beurteilen. Wichtig zu wissen: Ich bin selten als Ganzes unsicher, sondern es sind Anteile von mir. Vielleicht fühle ich eine Unsicherheit im Brustkorb, aber meine Beine fühlen sich sicher. Dann würde ich ganz bewusst meine Konzentration auf die Körperteile lenken, die sich sicher anfühlen. Verweile ich dort ein wenig, wird sich mehr Sicherheit im gesamten Körper bemerkbar machen. Ist es schwierig, sichere Stellen im Körper zu finden, kann ich mich an eine Situation in meinem Leben erinnern. Zum Beispiel im Urlaub, wo ich mich ganz sicher und einverstanden mit mir selber gefühlt habe. Wenn ich diese Bilder vor mein inneres Auge hole und mich bewusst damit verbinde, wird sich in meinem Körper ebenfalls eine größere Ruhe, Sicherheit und Vertrauen ausbreiten. Unsicherheit entsteht häufig auch dadurch, dass wir nicht unseren Gefühlen, unserer inneren Stimme trauen. Meine Ratio, mein Kopf spricht dagegen und hat lauter Einwände. Gehe ich nun sehr stark auf meine Einwände ein und durchdenke sie ständig, werde ich immer unsicherer werden. Mein Gedankenkarussell kommt in Schwung bringt mich immer stärker in negative Gefühle. Hier sollte ich bewusst gegensteuern und mich auf meinen Körper und Atem konzentrieren. Die Gedanken werden mich immer wieder ablenken, aber ich gehe immer wieder zum Körper zu Atem zurück. Gelingt mir das, werde ich ruhiger und zuversichtlicher. An dieser Stelle kann auch Sport oder Bewegung in der Natur helfen. Es tut alles gut, was mich wieder raus aus dem Kopf und rein in den Körper bringt.

Wie sage ich denn Freunden und Bekannten überhaupt, dass ich Gefühle für einen älteren oder jüngeren Menschen habe?

Wenn ich mir unsicher bin, würde ich empfehlen, mir selber Zeit zu geben, um zusammen mit meinem Partner oder meiner Partnerin Sicherheit zu gewinnen. Denn wenn ich eine innere Klarheit entwickelt habe und zu meiner Partnerschaft stehe, kann ich besser mit kritischen Fragen oder Anmerkungen von außen umgehen. Bestehen weiterhin Unsicherheiten, würde ich offen und ehrlich damit umgehen und mich selbst mit den Fragen oder Zweifeln zeigen, die ich habe. Man muss nicht immer cool sein und über allem stehen. Man darf auch Schwächen und Unsicherheiten zeigen. Das ist für mich wahre Stärke! Ich plädiere dafür, authentisch zu sein. Dann kann ich sagen: „Hey, ich möchte dir was erzählen. Ich habe mich verliebt. Und jetzt hör mir erstmal zu. Die Frau oder der Mann ist viel älter oder jünger als ich und ich weiß, dazu gibt es viele Vorurteile. Und auch ich bin mir unsicher, aber ich merke, das ist die Frau oder der Mann, mit dem ich zusammen sein möchte. Das will ich erstmal ausprobieren, egal was es für Vorurteile gibt.“ Sicher ist es leichter mit Personen anzufangen, die aufgeschlossener sind und nicht so klare Vorstellungen haben, wie etwas zu sein hat. Ich würde mit den kleineren Herausforderungen anfangen und mich langsam steigern. So bekomme ich nach und nach durch positive Erfahrungen Selbstsicherheit und habe schon Freunde im Rücken, die zu mir stehen.

Wie gehe ich mit Kritik um, wenn sie trotz eines offenen Gesprächs von Freunden oder der Familie kommt? Wie kann ich mich beruhigen?

Auch wenn Freunde oder Familie verletzende Sachen sagen, sollte ich mir klar darüber sein, dass sie diese Dinge sagen, um mich zu beschützen. Eltern wollen ihre Kinder immer vor Schmerzen und Fehlern bewahren. Die Art und Weise, wie sie es tun, ist vielleicht nicht immer richtig, aber sie können es nicht anders. Vielleicht kann ich trotz Kritik oder verletzender Aussagen die Liebe raushören. Mit dem Wissen um die Liebe, würde ich mir die Kritik in Ruhe anhören. Vielleicht gibt es in der Kritik wichtige Punkte, die ich für mich selber nochmal prüfen kann. Seien Sie sich dennoch stets bewusst, dass Sie sich für Ihre Gefühle nicht rechtfertigen müssen. Sie müssen den anderen nicht überzeugen. Es reicht, wenn Sie selber von Ihrer Partnerschaft überzeugt sind. Sehen Ihre Freunde und Ihre Familie, dass Sie in der Beziehung auf Dauer glücklich sind, wird die Kritik abebben.

Gibt es Zeichen dafür, dass ich vielleicht doch professionelle Hilfe brauche?

Professionelle Unterstützung könnte dann hilfreich sein, wenn Sie merken, dass Sie in eine ungute Abhängigkeit gerutscht sind. Das kann in jeder Partnerschaft der Fall sein. Sie beobachten bei sich Dauerstress, Schlaflosigkeit und entwickeln den Glauben, nicht ohne Ihren Partner leben zu können. In diesem Fall sind Sie häufig mit traumatischen Erfahrungen aus ihrer Kindheit konfrontiert. Stellen Sie Ihren Partner aufgrund des Altersunterschiedes nicht auf ein Podest. Machen Sie sich nicht selber klein. In Partnerschaften passiert es häufig, dass unerfüllte Bedürfnisse aus der Kindheit auf den Partner projiziert werden. Ich entwickle den Wunsch oder die Forderung, dass er oder sie mir diese erfüllen soll. Das kann aber kein Partner leisten. Zugleich rutsche ich selbst in eine Kinderposition – und fühle mich auch so – und stelle meinen Partner in die Elternposition. In der Realität begegnen sich hier aber zwei Erwachsene, die auf Augenhöhe sein sollten. Eine Therapie oder eine Begleitung kann Sie dabei unterstützen, zurück in die Eigenverantwortung zu kommen und Ihren Stresspegel wieder zu senken. Unglücklicherweise suchen wir uns unsere Partner unbewusst nach einem bestimmten Schema aus. In unserer Kindheit erlernen wir Bindungsmuster. Bin ich mir dieses Bindungsmusters nicht bewusst, übertrage ich es auf meine heutigen Beziehungen. Das heißt: Ich erlebe ähnliche Beziehungsmuster, die ich aus meiner Kindheit kenne. Bei unguten Erfahrungen kann das sehr schmerzhaft sein. Glaubenssätze, die aus diesen Beziehungsmustern entstanden sind, könnten sein: Ich muss immer brav sein, damit ich geliebt werde. Ich muss ganz viel für den anderen tun, damit ich liebenswert bin. Ich bin eine Last für den anderen und muss mich unsichtbar machen. Bin ich mir dessen nicht bewusst, handle ich aus diesen Glaubenssätzen heraus. Eine Begleitung kann mich unterstützen, mich selber zu hinterfragen und mir solcher Muster und Glaubensätze bewusst zu werden. Dann kann ich aktiv dagegen steuern, mein Verhalten ändern und so am Ende auch eine glücklichere Beziehung führen.

Diese Einsicht erfordert auch ein großes Selbstreflexionsvermögen, oder?

Ja, man muss sich ganz ehrlich betrachten. Dazu braucht es ganz viel Achtsamkeit. Was mache ich da eigentlich und welche Gedanken führen dazu, dass ich dieses Verhalten zeige? Es gibt einen schönen Spruch: Glaube nicht alles, was du denkst. Beobachte dich selber und komme dir auf die Schliche!

Gibt es denn so etwas wie allgemeine Regeln, die ich beachten kann?

Allgemeine Regeln gibt es nicht. Man kann in jeder Beziehungsform glücklich werden. Wie schon gesagt: Die Bedürfnisse und Vorstellungen sollten zueinander passen. Es ist sehr hilfreich, sich seiner Themen in Bezug auf Beziehungen bewusst zu sein. Wenn ich weiß, was in mir vorgeht und wie ich damit umgehen kann, unterstützt mich das in jeder Beziehung – sowohl beruflich als auch privat. Insgesamt würde ich sagen: Es gibt kein richtig oder falsch, sondern nur: Was tut mir gut? und Womit fühle ich mich wohl?

Heike Wilken ist Diplom-Psychologin in Bielefeld und betreibt eine eigene Praxis.


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