Pole Dance: ein Mann an der Stange

Wer denkt, der Stangentanz ist nur etwas für zartbesaitete Damen, der irrt. Ein Selbstversuch unseres Autors.

Von: Magnus Horn

Noch kann ich umdrehen, geht es mir durch den Kopf, als ich auf dem Weg zur ersten Pole-Dance-Stunde meines Lebens bin. Das kann doch nur peinlich werden. Cami Truong will mir heute zeigen, wie Pole-Dance funktioniert und dass es weitaus mehr ist als erotisches Räkeln an der Stange, das man möglicherweise damit assoziiert. „Es ist ein Ganzkörperworkout“, sagt sie. Kraft und Spannung sind gefragt – von denen mir, wie ich feststellen werde, doch mehr fehlt, als ich dachte.

Akrobatikübungen für die Männer

Cami ist 30 Jahre und wirkt motiviert, meine ersten Schritte auf dem ungewohnten Terrain zu begleiten. Die gelernte Bürokauffrau macht erst seit vier Jahren Pole-Dance. Seit Ende Juli hat sie in Bielefeld ihr eigenes Studio. Früher konnte sie keinen Spagat. „Das kann man lernen. Das könntest du auch“, sagt sie. Ich schaue an mir herunter. Ich hege Zweifel. Die anderen Teilnehmerinnen empfangen mich freundlich. Ein Schmunzeln auf den Gesichtern offenbart: Ein Mann ist hier nicht oft zu Besuch. Aber beim Pole-Dance gibt es sowohl das elegante, eher sinnliche Tanzen als auch das akrobatische. Hier würde die Kraft im Vordergrund stehen, weshalb Männer dies durchaus nutzen würden, sagt Cami.

Spins an der Stange

Gemeinsam geht es in den hellen Raum, in dem mich ein Stangenwald vor einer riesigen Spiegelwand erwartet. Na toll. Ich kann mich beobachten. An jeder Stange hängt ein Tuch, mit dem die durch die leicht verschwitzten Hände feucht gewordene Stange abgewischt werden kann. Halt ist eben wichtig. Wenn ich den habe, kann ja bestimmt nichts schiefgehen, denke ich selbstbewusst. Von wegen. Bereits das Aufwärmprogramm hat es in sich. Zu lauter Musik mit schnellen Beats kreisen wir die Hüfte, schwingen Arme und Schultern und stretchen uns intensiv. Nachdem die ersten Wirbel geknackt und sich gefühlt alle Verklebungen in meinem Körper gelöst haben, gibt es eine kleine Pause – für die ich dankbar bin, angesichts der Schweißperlen, die sich auf meinem Gesicht abzeichnen. Dann geht’s an die Stange. Es folgen die ersten Spins, wie die Drehungen um die Stangen heißen.

Olympia in Bielefeld?

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Wir starten leicht. Ich versuche die Bewegungen von Cami nachzumachen. Die Stange mit beiden Händen fest im Griff, schwinge ich das abgespreizte Bein – mehr schlecht als recht – um die Stange und umkurve sie. Ein paar Versuche brauche ich, um warm zu werden. „Firemanspin“, „Chair spin“, „Back hook spin“ sind weitere Formen, an denen ich mich versuche. Drehungen mit angewinkelten Knien – schwebend. Staunend beobachte ich Cami bei der Ausführung. Bewegung und Haltung erinnern mich eher an Leistungen olympischer Turnerinnen. Ich versuche es ihr gleichzutun, gehe die Bewegung im Kopf durch und fokussiere mich auf meine Arme. Mit der Grazie einer Gazelle, oder wie das Tier mit dem Rüssel heißt, führe ich die Übungen durch. Unsanft falle ich zu Boden. Doch mein Ehrgeiz ist geweckt und von Mal zu Mal klappt es – ein wenig – besser. Das sagen auch die anderen Frauen, die teilweise schon zum dritten Mal dabei sind und sich in einem angebotenen freien Training versuchen weiterzuentwickeln. „Man merkt schon eine Verbesserung“, sagen sie. Ich sehe auf jeden Fall, dass sie es deutlich eleganter hinbekommen als ich. Aber aller Anfang ist schwer.

Herz über Kopf

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Ob ich einen Kopfstand machen will? Selbstverständlich. Ich mache den ganzen Tag ja nichts anderes als das und muss unwillkürlich an eine Halskrause denken, die ich die nächsten Wochen bestimmt tragen werde. Dennoch probiere ich es aus. Wird schon schiefgehen. Zunächst gehe ich in die Knie und stütze meinen Kopf auf meine angewinkelten Unterarme, die an der Stange liegen. Dann tapse ich mit den Zehenspitzen Richtung Gesicht und verlagere die Kraft in meine Arme. Ich hole ein bisschen Schwung und mit der Unterstützung von Cami bekomme ich die Beine nach oben gewuppt, wo meine Füße die Stange finden. Geschafft. Aber wo bin ich? Die Orientierung fällt schwer. Meine Arme fangen leicht an zu zittern. „Und jetzt das linke Bein anwinkeln“, höre ich Cami sagen. Nicht nur mein Körper, sondern auch meine Gedanken sind ein Fragezeichen. Doch nach kurzer Überlegung, wohin genau ich mein Bein nun bewegen muss, gelingt es mir. Grazie, wie schon gesagt. Zwei weitere Male führe ich den Kopfstand aus.

Anmutig wie eh und je

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Zum Abschluss unserer Stunde wird es noch einmal elegant. Eine Choreographie steht an. Die fünf Teilnehmerinnen kennen die ersten Schritte bereits. Sie zählen im Takt der Musik mit. Ich werde ins kalte Wasser geworfen. Aber ich gebe alles. Mit ein wenig Verzögerung ahme ich meine Lehrerin nach. Die Haare kann ich dabei leider nicht so effektvoll mit meinen Händen zurückwerfen und daher sieht es wohl eher so aus, als würde ich eine lästige Fliege verscheuchen. „Und noch mal von vorne.“ Ich gehorche. Und tatsächlich: Es wird besser. Während es zu Beginn der Stunde eher um Kraft mit festen Bewegungen ging, stellen diese „sinnlichen Bewegungen“ einen lockeren Abschluss dar, sagt Cami. „Wenn man Pole-Dance häufiger macht, dann tut man nicht nur etwas für den Körper, sondern auch für das Wohlbefinden und das Selbstvertrauen.“ Man kommt aus sich heraus. Es sei auch nicht auf einen bestimmten Typ ausgerichtet. Geeignet für jedes Alter (die älteste Kundin ist 55) und jede Statur. Auch mich hat es Überwindung gekostet, doch als ich das Studio verlasse, bin ich zufrieden. Und erschöpft. Der Muskelkater kann kommen. Vom Tanz an der Stange.

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