Essen macht glücklich

Ratgeber preisen Nahrungsmittel mit Glücksstoffen an. Die gibt es aber nicht. Glück beim Essen aber trotzdem.

Von: Tina Gallach

Hippokrates von Kos: er war der berühmteste Arzt des Altertums, Begründer der Medizin als Wissenschaft, Philosoph – und ein sehr kluger Mann. Er wusste schon vor mehr als 2.400 Jahren eins: „Essen hält nicht nur Leib und Seele zusammen, sondern bestimmt auch unser Gemüt.“ Mit anderen Worten: Essen hat einen direkten Einfluss auf unsere Laune. Es kann lähmen oder glücklich machen. Nur leider nicht so, wie uns viele selbsternannte Gesundheitsapostel heutzutage glauben machen wollen. Man müsse nur das Richtige auf den Speiseplan stellen, und schon werde das Gehirn in eine rosarote Wolke genebelt, wird in vielen Foren und Ernährungsratgebern erzählt. Selbst leichte Depressionen ließen sich so in den Griff bekommen. Bestimmte Stoffe in der Nahrung würden direkt auf die Psyche wirken, man müsse nur genug Datteln, Bananen, Nüsse oder Tomaten essen. Viel Serotonin sollen die enthalten, ein Botenstoff, der Reize von einer Nervenzelle auf andere Zellen überträgt – und bei Depressionen in zu niedriger Konzentration vorhanden sein soll. Ein geheimnisvoller Glücklichmacher also. Aber das stimmt so nicht.

Serotonin findet nicht ins Gehirn

Zwar sind in einigen Lebensmitteln tatsächlich Spuren von Serotonin enthalten, die durch die Verdauung ins Blut gelangen. Allerdings ist die Menge erstens viel zu gering, um sich auf die Psyche auszuwirken. Und zweitens müsste es direkt ins Gehirn gelangen, um dort seine Arbeit verrichten zu können. Das aber verhindert die sogenannte Blut-Hirn-Schranke. Eine filternde Schutzschicht gegen Eindringlinge von außen. Serotonin aus der Nahrung würde abgewiesen. Selbst der Eiweißbaustein Tryptophan, aus dem die Nervenzellen im Gehirn Serotonin herstellen können, bleibt wirkungslos, obwohl er die Blut-Hirn-Schranke tatsächlich passieren kann. Einfach weil aus Lebensmitteln nicht genug davon oben ankommt. Aber, und jetzt kommt die gute Nachricht: Hippokrates hatte trotzdem recht. Essen kann glücklich machen. Nur eben anders.

Wohlfühlen dank Leckereien

Jeder kennt es: Man hat sich etwas Leckeres gekocht, oder man sitzt mit ein paar Stücken seiner Lieblingsschokolade auf dem Sofa – und schon beim ersten Bissen, in dem Moment, in dem die Aromen sich im Mund verteilen und die Geschmacksknospen kitzeln, breitet sich ein wohliges Gefühl im Körper aus. Die Laune steigt, man könnte in diesem Moment direkt behaupten, dass sich ein kleines Glücksgefühl einstellt. Egal wie schlecht der Tag bis dahin war. Das liegt aber nicht an Wunderstoffen im Essen, sondern ist erlernt. Das Gehirn verfügt über Mechanismen, mit denen die Psyche sich selbst den roten Teppich ausrollen kann. Welche Rolle die Geschmackswahrnehmung dabei spielt, erforscht unter anderem Dr. Maik Behrens vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam: „Das Gehirn konstruiert den Gesamteindruck dessen, was man isst, aus verschiedenen Sinneseindrücken“, sagt er.

Warum wir Geschmack erkennen können

Dazu gehört etwa, wie das Essen aussieht, wie es riecht, aber auch Beschaffenheit, Temperatur oder in welcher Situation man es isst. „Das führt je nach Erfahrungen zu Vorlieben oder Abneigungen.“ Beides wird im Geschmackserkennungsgedächtnis gespeichert. Wie beim Lernen von Vokabeln intensiviert jede Wiederholung diesen Eindruck. „Das führt zu stabilen Ernährungsmustern, die es uns auch schwermachen, unsere Ernährungsweise zu verändern.“ Weil Schokolade in der Kindheit meist als Belohnung eingesetzt wurde oder etwas so Seltenes war, dass sie nur zu besonderen Gelegenheiten verteilt wurde, verknüpft also fast jeder Mensch positive Gefühle mit der süßen Leckerei. Und die stellen sich in der Regel wieder ein, sobald uns auch nur der Geruch von Schokolade in die Nase fliegt. Schmecken wir dann das köstliche Aroma und spüren dazu den zarten Schmelz auf der Zunge, ist es um uns geschehen.

Dopamin belohnt uns

Genauso funktioniert es auch mit anderen Lebensmitteln: Wer zum glücklichen Kindergeburtstag immer ein Steak bekam, wird sich als Erwachsener fast immer gut fühlen, wenn er Steak isst. Mit manchen Lebensmitteln kann man über diesen Weg unbewusst eine regelrechte Hochstimmung auslösen – und auch dafür ist ein Botenstoff zuständig: das Dopamin. Unser körpereigenes Belohnungsmittel. Auch er wird wie Serotonin im Gehirn erzeugt, unter anderem beim Sex, wenn wir stolz auf uns sind oder etwas Tolles erleben. Flitzt das Dopamin dann durch unseren Körper, sind wir glücklich – gibt es dazu auch noch ein Steak, sind Geschmack und Gefühl nahezu untrennbar miteinander verknüpft. Es gibt aber noch einen anderen Zusammenhang zwischen Essen und Glücksgefühlen – einen ganz einfachen: Wer sich gesund ernährt, viel Obst und Gemüse mit genügend Vitaminen und Mineralstoffen isst, fühlt sich fitter als nach Pizza und Burgern. Auch das hebt die Laune deutlich.

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