Darum kann der Darm depressiv machen

Warum ist Darmgesundheit so wichtig, und wie hängt das mit Depressionen zusammen? Wir klären auf.

Von: Hanna Paßlick

Verdauungsprobleme – und jetzt? Die Gesundheitswissenschaftlerin Dr. Antje Rössler rät, erstmal auf seinen Körper zu hören, bevor man zum Arzt läuft und sich etwas verschreiben lässt oder direkt zur Apotheke geht. Sie leitet in Hamm eine Akademie für Immunologie und Darmgesundheit und erklärt uns im Interview, wie der Darm arbeitet, welchen Einfluss er hat, und warum er sogar Depressionen auslösen kann.

Frau Rössler, wie oft am Tag sprechen Sie über Verdauungsprobleme?
Wenn ich arbeite: stündlich!

Die meisten Menschen versuchen ja eher, das Thema zu umgehen. Merken Sie das bei Ihrer Arbeit?
Auf jeden Fall. Die große Tabuisierung des Themas haben wir mit dem Erscheinen des Bestsellers „Darm mit Charme“ zwar hinter uns gelassen. Aber wenn ich einen Klienten vor mir sitzen habe und ihn frage, wie es um seine Verdauung steht, dann merke ich sofort, dass er das sehr unangenehm findet. So, als dürfe man diese Frage überhaupt nicht stellen. Dabei ist er doch genau deswegen zu mir gekommen!

Und was machen Sie, wenn der Patient so gar nicht über seine Verdauung sprechen mag?
Ich löse das ganz charmant, indem ich mein Gegenüber nicht vorführe, sondern zunächst einfach Bilder von verschiedenen Stuhlgängen zeige. Dann können die Leute einfach mit dem Finger auf das Bild zeigen, das ihren Ausscheidungen am nächsten kommt. Viele wissen allerdings nicht einmal mehr, wie ihr Stuhlgang aussieht. Das liegt an unseren Toiletten – die meisten verfügen heute über Tief- statt Flachspüler. Da ist alles, was wir ausgeschieden haben, sofort weg.

Aus den Augen, aus dem Sinn!
Ja genau. Dabei hat der Darm einen wesentlichen Anteil an unserem Wohlbefinden und unserer Gesundheit! Und darüber sollte man sprechen können. Wir sprechen doch sonst auch über alles, was unsere Gesundheit betrifft.

Welche Aufgaben hat ein gesunder Darm denn zu erfüllen?
Er ist zum Beispiel Verdauungsorgan, und damit für die Aufnahme lebenswichtiger Substanzen zuständig. Die Verdauung bringt Nahrungsmittel in eine für unseren Körper verwertbare Form, indem sie sie in ihre Einzelteile zerlegt. Außerdem befinden sich etwa 70 bis 75 Prozent aller Immunzellen im Dünn- und Dickdarm.

Ist also unser Darm gesund, sind wir insgesamt besser vor Krankheiten geschützt?
Genau. Ist er das nicht, kann uns das anfälliger machen – körperlich, aber auch psychisch. Denn der Darm pflegt über die sogenannte Darm-Gehirn-Achse eine enge Bindung zu unserem Gehirn. Unsere Darmbakterien kommunizieren mit dem Gehirn und andersherum. Sind dann zum Beispiel Keime im Darm, die in größerer Zahl störend wirken, werden entsprechende Botenstoffe ausgeschüttet und Entzündungsfaktoren gebildet, die einen Einfluss auf das Gehirn haben und somit depressive Verstimmungen auslösen können. Geht es unserem Darm dagegen gut, sind auch wir meist positiv gestimmt.

Das klingt nach großem Einfluss und viel Verantwortung...
Die Verantwortung des Darms ist riesig, obwohl er eigentlich nur einer von vielen Akteuren sein sollte. Aber bei ihm wird Vieles abgeladen, für das eigentlich andere Organe zuständig wären. Die Nebennieren und die Schilddrüse etwa arbeiten Hand in Hand mit dem Darm. Sind wir zum Beispiel dauergestresst, kann das die Nebennieren schwächen. Sie produzieren Hormone wie Adrenalin und Cortisol, die den Stress regulieren sollen. Reicht das nicht mehr aus, wird zunächst die Schilddrüse in die Verantwortung genommen. Die soll dann Stresskompensation betreiben – aber dafür ist sie nicht gemacht. Also müssen andere Körperregionen reagieren. Zum Beispiel Blase oder Darm. In der Blase kann der Stress Harnwegsinfektionen fördern. Im Darm führt er häufig zu entzündlichen Prozessen, was Aufnahmestörungen und damit auch Mikronährstoffmängel zur Folge hat.

Auch der Zustand von Haut, Haaren und Nägeln soll maßgeblich von Darm und Stress abhängig sein. Warum ist das so?
Haut, Haare und Nägel bestehen aus Eiweißstrukturen, die vor allem dann vermehrt vom Körper verbraucht werden, wenn wir Stress haben. Wenn das Maß schließlich voll ist und wir eigentlich auf die Bremse treten müssten, greifen wir nicht zu nährstoffreichen Lebensmitteln, die unsere Vorräte wieder auffüllen würden, sondern zu Schokolade, Zucker und Fett. Das alles befeuert aber Entzündungen und enthält oft nicht genug von dem, was unser Körper brauchen würde, um Haut, Haare und Nägel gesund zu halten.

Was kann denn außer Stress noch dazu führen, dass der Darm aus dem Takt gerät?
Für Probleme mit dem Darm und der Verdauung gibt es sogenannte Trigger: unsere alltägliche Ernährung und die Epigenetik. Das ist ein Fachgebiet der Biologie, das sich damit befasst, welche Umweltfaktoren unsere Erbinformationen beeinflussen können. Die erste Frage ist immer: Bekommt mein Körper täglich, was er braucht, und genug davon? Was das ist, und wie viel davon ausreichend ist, ist allerdings bei jedem Menschen anders. Dann kommt die Epigenetik ins Spiel. Sie bestimmt, unter welchen Umständen welches unserer Gene angeschaltet wird und wann es wieder verstummt. Also spielt auch unser Lebensstil eine große Rolle für unsere Darmgesundheit. Große Mengen an Obst und Gemüse sind zum Beispiel schön und gut – aber nicht jeder von uns verträgt sie in jeder Lebenslage gleich gut. Manch einer bekommt von zu viel Obst Blähungen oder sogar Durchfall und braucht stattdessen mehr Eiweiß. Andere kommen mit einer Ernährung, die viel Kohlenhydrate und Ballaststoffe enthält, gut zurecht.

Was halten Sie von medikamentösen Lösungen wie zum Beispiel Säurehemmern?
Ich habe 20 Jahre in einer Apotheke gearbeitet und kenne dieses Problem leider nur zu gut. Viele Menschen versuchen gar nicht erst, die Ursache für ihre Beschwerden zu finden, sondern lassen sich Medikamente verschreiben, die oft nur symptomatisch wirken, oder kaufen Mittelchen und Kuren auf eigene Faust über das Internet. Das löst aber in den seltensten Fällen das jeweilige Grundproblem und verändert im schlimmsten Fall das ganze Darmmilieu.

Was könnte denn helfen?
Wir sollten uns zunächst klar machen, dass wir den Schaden in den meisten Fällen selbst erzeugen. Was wir also bräuchten, wäre ein Ausbau des Netzwerks von Gesundheitsexperten, und eine individuelle Ernährungs- und Gesundheitserziehung, wie sie die Schweizer bereits erfolgreich praktizieren. Dadurch würden wir lernen, was wir vertragen und brauchen, wie wir richtig essen und dadurch selbst zum Erhalt unserer Gesundheit beitragen können.

Manche Menschen glauben, dass sie richtig essen, weil sie sich an Ernährungstrends halten.
Wir sollten unseren gesunden Menschenverstand nutzen und diesen Trends nicht mehr hinterherlaufen. Wer plötzlich anfängt, Massen von Brokkoli oder Fleisch zu essen, nur weil jemand behauptet, dass das die Lösung sei, dem muss ich sagen: Das ist alles Quatsch, weil es extrem ist! Und Extreme sind nicht gut für unsere Verdauung.

Wie sähe richtig essen denn aus?
Wir sollten zum Beispiel wieder mehr Achtsamkeit beim Essen einführen. Das Essen gut kauen und einspeicheln, nicht stehen, während man isst, und keine Handys am Tisch. Wird das nicht beherzigt, kann der Verdauungsvorgang gestört werden, so dass am Ende der Darm belastet wird. Manche Menschen glauben tatsächlich, dass Blähungen normal sind. Aber dem ist nicht so. Wenn wir nicht so viel auf einmal, aufmerksamer und besser essen würden, hätte unser Körper auch eine Chance, das Aufgenommene abzuarbeiten.

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